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Zeughaus Teufen

Foto: Sonderausstellung

Eröffnungsausstellung «AUSGEWOGEN?!»

Ausgewogen 1500

Wechselausstellung «AUSGEWOGEN?!» (09.06.2012 bis 30.09.2012)

mit Karin Bühler, Jan Kaeser, Christian Kathriner, Sandra Kühne, Michael Pfister, Kilian Rüthemann, Jürg Rohr, Thomas Stüssi, Hans Schweizer, Roman Signer, Herbert Weber, Beni Bischof & Samuel Bänziger

 

Ausgewogen!

Es ist ungewiss, ob sich der damals schon angesehene Architekt Felix Willhelm Kubly beim Projektieren des Zeughauses Teufen (1852 – 55) von der rund hundert Jahre früher am selben Ort wirkenden Baumeisterdynastie Grubenmann inspirieren liess. Eine Vewandtschaft ist aber nicht von der Hand zu weisen. Kublys Ambitionen bestanden darin, ein stützenfreies Erdgeschoss zu schaffen; dazu nutzte er ähnliche Strategien wie die Grubenmänner: Die Lasten der Geschossdecken wurden ins Dachgebälk gehängt und von dort via Aussenmauern zurück auf den Boden geleitet. Der Raum wirk aus heutiger Sicht eher unauffällig und praktisch, das Mittelgeschoss jedoch wird durch Kublys Konstruktion geprägt: durch die Hängesäulen räumlich gegliedert und unerwarteterweise optisch in die Länge gestreckt. Die Wirkung ist heute also aus räumlicher Sicht im Mittelgeschoss beeindruckender, als an dem Ort, wo die beabsichtigte Wirkung erzielt wird. Wie schon die Baumeister Grubenmann wendet Kubly das Wissen des Brückenbaus für einen anderen Zweck an: nicht um Hindernisse zu überwinden, sondern um Räume zu überspannen. Vergleichbar mit dieser architektonischen «Zweckentfremdung» werden nun elf zeitgenössische Sichtweisen zur Thematik der Verwandlung und Umnutzung, der Neuinterpretation und Ausweitung gezeigt. Und eine zwölfte Variante findet sich in dieser Publikation: Eine zeichnerische Position, die uns zusätzlich bei der Orientierung in der Aus-stellung hilft. Die beteiligten Künstler/innen bilden einen bunten Strauss, der auch programmatisch sein soll für die künftige Herangehensweise im Zeughaus. Hier geht es nicht in erster Linie um einzelne Werke, oder Kunstschaffende, vielmehr ist das Verweben von unterschiedlichen Arbeitsmethoden, Ansätzen, Haltungen das Ziel. Das soll neue Sichtweisen und Querbezüge ermöglichen. Aus ungewohnter Perspektive wird Fremdes vielleicht bekannt erscheinen, Bekanntes aber eine fremde, gar exotische Anmutung gewinnen. Alles eine Frage des Standpunktes und der Perspektive: Nahes und Fernes, Last und Lust, Eleganz und Grobschlächtigkeit, Kraft und Macht, Struktur und Raum. Folgendes Zitat von Victor Hugo mag den Reichtum polarer Sichtweisen verdeutlichen: «Das Seil hängt nicht nach unten, die Erde zieht.».

Ulrich Vogt

 

Ausgewogen?

Eine Frage des Gleichgewichts? Zwei gegensätzliche Einheiten, die aufeinander treffen und einander neutralisieren? Ein Spiel mit der Balance? Eine Frage der Harmonie und Symmetrie? Ist Ausgewogenheit immer auch gleichzusetzen mit Schönheit? Bereits Thomas von Aquin hat sein Verständnis von Schönheit als die gegenseitige Gemeinschaft unterschiedlicher Kräfte und Dinge definiert, die jeweils ihren eigenen, unverkennbaren Kern behalten: «So wie viele Steine einer zum anderen zusammenpassen und aus ihnen das Haus entsteht und wie ganz ähnlich alle Teile des Universums zusammenpassen, …, so sagt man aus dem gleichen Grund, die Schönheit bewirke nicht nur, dass jedes Ding mit sich selber gleich bleibt, sondern auch, dass alle Dinge zusammen eine gegenseitige Gemeinschaft befestigen, ein jedes nach seinen Eigenschaften. (Thomas von Aquin, 13.Jh., Von den göttlichen Namen, IV, 6) Ist Ausgewogenheit mehr als das harmonische Spiel mit den Pro- portionen? Bezieht sich die Frage um die Ausgeglichenheit der Proportionen nur auf die architektonische Praxis und den mensch-lichen Körper oder umfasst sie auch mystische, spirituelle und mentale Bereiche, wie z.B. Piero della Francesca in seiner Sacra Conversazione, 1472 –1474, bildnerisch andeutete? (Fig. 1) Umfasst Ausgewogenheit nicht immer auch die Gefahr des Umkippens? Ist Ausgewogenheit schlicht eine Frage der Perspektive? Des Standortes? Ist Ausgewogenheit nicht letztendlich eine Illusion, wie es der venezia-nische Künstler Piranesi, ein Zeitgenosse der Grubenmänner, in seinen theatralisch anmutenden Graphiken vermittelt? (Fig. 2) Oder bedeutet Ausgewogenheit auch das Risiko, scheinbar unvereinbare Dinge zu verbinden und zu verknüpfen? Eine Holzbrücke, deren Teile nicht verschraubt sind, und die trotzdem Abgründe überwindet? Eine Decke, die stützenfrei ein gesamtes Geschoss überwindet? Ein Metallschwert, das der Gravitation trotzend im Raum schwebt? Denn Ausgewogenheit beinhaltet die Möglichkeit, tradierte Vorstellungen zu hinterfragen, den Standpunkt zu wechseln, Visionen zuzulassen, gewisse Polarisier-ungen als soziale Konstrukte zu entlarven und (scheinbare) Gegensätze zu überwinden.

Katja Baumhoff

 

 

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